Gedanken zu #regrettingmotherhood

Heute war mal wieder einer dieser Tage, an denen das Kind schon vor zehn Uhr fünf Wutanfälle hatte und sich am Ende des Tages an der Supermarktkasse auf den Boden schmiss, während Mama, die versuchte das Kind zu ignorieren, der Kopf schmerzte. Heute gehe ich ins Bett und fühle mich wie ein Versager. Keiner meiner Rollen habe ich heute gut erfüllt: Ich war weder eine gute Studentin, noch eine gute Mutter oder eine gute Ehefrau. Ich habe das Kind mindestens einmal angeschrien und zweimal einfach ignoriert, ein paar Mal habe ich mir eine weit entfernte einsame Südsee-Insel gewünscht. Zu allem Übel stellten Kind und Mutter dann heute Abend auch noch fest, dass die Lieblingspuppe vom Fahrrad gefallen sein muss, weil Mama einfach keine Lust mehr hatte auf Diskussionen und das Kind die Puppe im Sitz festhalten durfte, was quasi dem „biggest mommy fail“ in den Augen des Kindes gleichkommen muss. Der glorreiche Tag gipfelte also in ehrlich traurigen Kindertränen und Mamas Beteuerungen, dass wir die Lotta schon wiederfinden würden (morgen früh rennt Mama also gleich zum Spielwarenladen und hofft, dass es dort noch eine Lotta gibt…).

Tage wie diese sind hart und heute habe ich immer wieder an die entfachte Diskussion um #regrettingmotherhood gedacht (Artikel in der Süddeutschen dazu hier). Zugegebenermaßen sind Aussagen wie: “Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, hätte ich keine Kinder” hart aber auch mehr als ehrlich. Diese 23 israelischen Mütter würden auf ihre Kinder verzichten, wenn sie könnten – ein Gefühl was für mich schwer nachvollziehbar ist. Schön finde ich aber die Ehrlichkeit, die durch die Diskussion ausgelöst wurde, denn wenn wir alle mal in uns rein schauen, wünschten sich die meisten wahrscheinlich manchmal, dass unsere Kinder woanders wären, nur nicht hier. Ich bereue nicht Mutter zu sein, doch manchmal wünschte ich wäre einfach wieder allein.

Ich gebe zu, ich habe mich naiv in das Abenteuer des Mutter-Seins gestürzt und das war bisher auch immer von Vorteil, aber damals lange bevor das Kind geboren wurde, dachte ich es wäre schön einen Teil von mir immer bei mir zu haben, jemanden zu haben der mich liebt, der sich auf mich verlässt, der mir voll und ganz vertraut, dem ich die Welt zeigen kann, den ich beschützen kann. Damals vor nicht allzu langer Zeit hatte ich keine Ahnung davon wie anstrengend das eigentlich ist jeden Tag Verantwortung zu tragen, jeden Tag immer auf alles zu achten seien es herannahende Autos, runtergefallene Puppen, drohende Wutanfälle, Regenjacken an regnerischen Tagen, Sonnenhüte an sonnigen Tagen, Strumpfhosen an kalten Tagen, Schwimmhosen an Schwimmtagen, ausreichend Flüssigkeit an Krankheitstagen, saubere Bettwäsche für die Krippe, neue Windeln in der Kommode…(– und dabei soll man sich selbst nicht vergessen und den Ehemann natürlich auch nicht und natürlich den Job nicht und in meinem Fall natürlich auch das Studium nicht).

Um an all diese Dinge denken zu können, erfährt eine Mutter (und heute hoffentlich auch oft der Vater) viele Entbehrungen. Ich bin Mitte 20 und während mein Facebookfeed voll ist von Freunden, die in den exotischsten Gegenden dieser Erde Abenteuer erleben, sitze ich hier und wische Rotznasen. Wer würde da nicht an solchen Tagen kurz davon träumen „was wäre wenn ich noch keine Mama wär“. Doch das ehrlich zu zugeben fällt schwer in einer Gesellschaft, die so viel von Müttern (und Vätern) erwartet.

Ich kenne Mamas die traurig sind ihr Kind morgens in die Kita zu bringen. Ich kenne Eltern, die sagen, dass ein Lächeln des Kindes alles wieder gut macht. Diese Tage und dieses Lächeln kenne ich auch, aber wenn ich ehrlich bin, heute war nicht so ein Tag und das ist auch okay so. Ich brauche auch mal eine Pause und ich bin auch nur ein Mensch und keineswegs perfekt. Dass ich heute einen schlechten Tag hatte, heißt keinesfalls, dass ich meine bewusste Entscheidung früh Mutter zu werden in irgendeiner Art und Weise rückgängig machen würde (im Gegensatz zu der Minderheit an 23 israelischen Frauen die im Rahmen der Studie von Orna Donath ihre Kinder am liebsten nicht bekommen hätten). Ich liebe meine Tochter mehr als alles andere auf der Welt und ich finde es okay wenn sie eine Mama hat, die ehrlich zu sich selbst ist und zugibt, dass Mutter-Sein nicht jeden Tag Zuckerwatte und Seifenblasen ist.

Diese Ehrlichkeit macht mich zu keiner „Rabenmutter“ (übrigens eine schlimme Kategorisierung der deutschen Gesellschaft, für die es meines Wissens nach im Englischen nicht mal einen adäquaten Ersatz gibt) und auch die 23 israelischen Frauen sollte man vielleicht nicht so verurteilen, denn nur weil sie es heute anders machen würden, heißt es nicht, dass sie sich nicht gut um ihre Kinder gekümmert haben/kümmern oder sie weniger lieben.

xoxo

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s