Der Anruf den man niemals kriegen möchte

[Untitled]Samstagabend 21:00 Uhr: Ich sitze friedlich an meinem Schreibtisch und schreibe meine Masterarbeit. Sonst versuche ich Social Media und dergleichen auszublenden, deswegen liegt mein Handy meist in einem anderen Raum – heute liegt mein Handy aus irgendeinem komischen Grund neben mir als auf meinem Display eine fremde Nummer erscheint: „Hallo ihr Mann hatte einen (Fahrrad-) Unfall. Der Krankenwagen ist unterwegs. Es geht ihm den Umständen entsprechend gut.“ Und dann der Mann selbst: „Mach‘ dir keine Sorgen, Schatz. Alles gut, ich komme nur etwas später nach Hause.“ Dann wieder der fremde Mann: „Ich weiß nicht genau wo wir sind, ich komme nicht aus München.“ Wirre Gesprächsfetzen bis ich herausfinde, dass der Unfall 50 Meter vor unserem Haus passiert ist. Mein Gehirn fährt Achterbahn. Ich kann nicht einfach losstürmen, das Kind liegt im Bett. Ich klingel bei den Nachbarn, die mir im Schlafanzug die Tür öffnen und stammel irgendwas von „Krankenwagen“ und „Unfall“ und „mein Mann“. Die Nachbarn passen auf. Ich renne auf die Straße aber nehme aus einem mir unerfindlichen Grund den Müll mit runter, unten angekommen fühlen sich die 5 Meter bis zur Tonne an wie Quälerei. Ich will zu meinem Mann und zwar JETZT. Ich renne und der Krankenwagen ist schon da. Mein Mann liegt blutend auf der Straße, gerade wird ihm eine Halskrause angelegt. Ich möchte ihn am liebsten sofort drücken, es sieht aber nicht so aus als würde ihm das gerade gut tun. Ich weiß nicht so recht was ich sagen soll. Leute erzählen mir was passiert ist, während er versorgt wird. Er sagt immer wieder ich solle mir keine Sorgen machen. Irgendwann gebe ich ihm einen Kuss. Er ist klar und sagt mir noch was ich mit seinem Fahrrad anstellen soll und, dass er mit einem Taxi nach Hause kommt. Dann fährt der Krankenwagen los – ohne mich, denn ich muss ja zurück zum Kind. Es fühlt sich an wie ein Stich ins Herz nicht neben ihm im Krankenwagen sitzen zu können und seine Hand zu halten oder sonst irgendwas zu tun. Ich stehe mitten auf der Kreuzung, die Polizei nimmt Zeugenaussagen, mein Gehirn schaltet in Notfall-Modus, während meine Kniescheiben wie wild in meinen Beinen zucken. Ich rufe den besten Freund an. Er kommt sofort, aber es kommt mir vor wie eine halbe Ewigkeit. Er passt nun auf’s Kind auf. Ich bedanke mich bei den Passanten, die meinen Mann versorgt haben, gebe der Polizei seine Daten und beruhige die andere Beteiligte, während ich geistig eigentlich im Krankenhaus bin. Ich muss daran denken, was wir ausgemacht haben als unsere Tochter auf die Welt kam – er würde mich keine Entscheidung einfach treffen lassen, er würde mich damit nicht allein lassen, er wäre der klare Kopf für uns beide – für uns alle drei. Ich will jetzt sofort sein klarer Kopf sein! Lasst mich endlich das bekloppte Fahrrad mit nach Hause nehmen! Als sie dann mit unendlichen Messungen fertig waren, renne ich nach Hause, das Gewicht des Fahrrads als ich es die Treppe hochtrage, merke ich kaum. Ich schmeiße ein paar Sachen in meine Tasche, umarme den besten Freund und renne zur U-Bahn. Dabei denke ich die ganze Zeit: Die Krankenwagenmenschen haben gesagt, es wird alles wieder. Es sieht nicht allzu schlimm aus. Die werden’s wohl wissen. Trotzdem renne ich. Wer weiß was bei einer genaueren Untersuchung herauskommt. Noch nie war ich in einem Münchner Krankenhaus und ich renne im Dunkeln die Notausfahrt hoch und stehe vor der Kinderklinik. Panik kommt auf als ich mitten auf dem dunklen Hof der Klinik stehe. Ich zwinge mich tief durchzuatmen. Wieso gibt es eigentlich im realen Leben keine riesigen mit Neonleuchten beleuchteten Schilder auf denen steht „Emergency Room“? Als ich endlich in der Notaufnahme ankomme, höre ich meinen Mann sprechen. Mir fällt ein riesiger Stein vom Herzen. Am Ende stellt sich heraus, die Verletzungen werden alle verheilen. Der Schreck sitzt dennoch tief. Jetzt zwei Tage später schaue ich immer wieder in sein von Schürfwunden und Nähten gezeichnetes Gesicht und habe ein beklemmendes Gefühl, einen Kloß im Hals. Was wäre wenn. Das darf man sich natürlich nicht fragen, trotzdem möchte ich ihn immer wieder fest drücken.

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